ESSAY – FOTOGRAFIE ≠ (UN)SCHÄRFE

Ist das unscharfe Bild nicht oft gerade das, was wir brauchen? — Ludwig Wittgenstein

Einleitung
Völlig euphorisch kam mein Vater von den Ferien zurück und wollte die Bilder zeigen, welche er mit seinem Smartphone gemacht hat. Viele Bilder von Freunden, Familie und Umgebung.

Durch einen erblich bedingten Gendefekt machen sich bei meinem Vater klare Tremores (umgangssprachlich Zittern) an den Händen bemerkbar. Seit geraumer Zeit hat sich die ganze Familie damit abgefunden, daran gewöhnt, dass es sich hierbei um einen unheilbaren, beständigen Zustand handelt.

Als er das Smartphone mit seinen zittrigen Händen aus der Tasche nahm, war es wieder einmal soweit: Ich wusste, dass eine Unmenge «zittrige» Aufnahmen auf uns zukommen würden. Und so war es dann auch. Doch um ihn nicht vor den Kopf zu stossen, habe ich mir auch diesmal sämtliche Bilder in Ruhe angeschaut. In diesem Moment schmunzelte ich über mich selbst, denn ich erkannte eine gewisse Qualität und Tiefe in den Bildern welche mir vorher nicht aufgefallen ist. Ich fand diese «unscharfen» Bilder ansprechend, ästhetisch und ein wenig geheimnisvoll. 

Jahrelang arbeitete ich technisch einwandfrei. Alle Aufnahmen mussten immer scharf sein. Entsprachen die Bilder nicht meinen Vorgaben, landeten sie kurzerhand im Papierkorb. Das Technische wurde meinerseits stets über den Inhalt gesetzt. Dies war nach meinem Empfinden auch keineswegs verwerflich. Schliesslich habe ich mir alles selbst beigebracht und mich nach den Büchern  orientiert, aus welchen ich gelernt habe Unschärfe zu vermeiden.

Die Aufnahmen meines Vaters liessen mich in der Folge nicht mehr los. Sie luden mich geradezu ein, mich – vielleicht zum ersten Mal – mit dem Bildinhalt zu befassen. Das Materielle dem Formellen vorzuziehen. Diese Erkenntnis veranlasste mich letztlich mit dieser Thematik vertieft auseinanderzusetzen.

Ich möchte in diesem Essay aufzeigen, dass man «Fehler» begrüssen und nicht bloss unreflektiert von sich weisen sollte. Anders als Walter Pfeifer , welcher gleich wie mein Vater ebenfalls mit Tremores zu kämpfen hat, habe ich mich dazu entschlossen, diesen Gendefekt, die Ursache für die verwackelten Bilder, zu begrüssen und mich mit der «Unschärfe» und deren Möglichkeiten auseinanderzusetzen.

Diese Arbeit handelt über die «Unschärfe» in der Fotografie. Das Hauptinteresse gilt dem Terminus «Unschärfe». Dadurch, dass im Umgangssprachlichen «unscharf» und «Unschärfe» negativ behaftete Begriffe sind und als Mangel gelten, entsteht beim Lesen der Bildbeschreibung bereits (bewusst oder unbewusst) ein Vorurteil gegenüber dem Abbild. Es ist nicht klar definiert auf welchen Teil der Fotografie sich das Wort «unscharf» bezieht. Ist damit die vermeintlich fehlerhafte Technik des Fotografen oder vielmehr die inhaltliche Wirkung des Abbildes auf den Betrachter gemeint?

Warum und wo kann man Unschärfe in der Fotografie einsetzen? Warum ist es wichtig den Bildinhalt zu berücksichtigen?

Vermehrt setzten grosse Fotografen unserer Zeit auf unscharfe Bilder. Ist das Zufall oder gewollt? Verleiht die Unschärfe dem Abbild einen Mehrwert. Falls dem so sein sollte, worin liegt dieser? Gibt es entsprechende Faktoren, welche dem Abbild einen Mehrwert geben? Auch scheinen nicht alle unscharfen Bilder gleich zu wirken. Manche sind eher verschwommen und andere verwischt. Gibt es also unterschiedliche Arten der Unschärfe? Wie werden diese erzeugt? Bestimmt der Bildinhalt die Art der Unschärfe oder umgekehrt?

Drei Rosen (Milan Gasic, 2019)

Dechiffrierung der Unschärfe
In den Kinderschuhen der Fotografie waren «Schärfe» und «Unschärfe» Themen, welche für viel Diskussionsmaterial sorgten. Ansätze welche die «Schärfe» an sich in Fragestellten gab es bereits 20 Jahre nach der Erfindung der Fotografie. Man begann die Gleichung «Fotografie = Schärfe» in Frage zu stellen.

Alfred H. Wall betonte 1859 in einem seiner Vorträge: «das malerische Potenzial der Fotografie, für die das Licht dieselbe Rolle spiele, wie der Stift für einen Zeichner. Zugleich kritisiert er viele Fotografen, die die malerisch atmosphärischen Wirkungen ihres Mediums vernachlässigten und den Eindruck einer Landschaft etwa dadurch zerstören, dass sie, unter Missachtung der Luftperspektive, nach einer scharfen Horizontlinie strebten.» (Ullrich, 2002 S. 22)

Auch der Fotograf William J. Newton empfahl scharfe Ränder und plötzliche Begrenzungen zu reduzieren oder gar zu vermeiden. Er betrachtete die «Schärfe» als negativ, denn es wirke einheits- und wirkungslos gestaltet.
Begrifflichkeit
In der Malerei wurde der Begriff «Unschärfe» nie verwendet. Wie sollte auch die aufgetragene Farbe auf der Leinwand unscharf wirken? Oder ist das unpräzise führen von Pinsel und Stift des Malers unscharf? Man bezeichnete auch nie ein Gemälde als «scharf». In der Malerei beschreibt man mit den Begriffen: detailreich, realistisch, starke Konturen, verblasster Horizont und vielen anderen. Das Wort «unscharf» dagegen taucht nie (oder zumindest sehr selten) auf.

Das heisst, dass in der Malerei einfach unpräzise oder schneller gearbeitet wurde oder der dargestellte Gegenstand anders wirkte als in Natura. 

«Was wir als Unschärfe bezeichnen ist die Abweichung vom dargestellten Gegenstand. Aber da Bilder nicht gemacht werden, um sie mit der Realität zu vergleichen, können sie nicht unscharf oder ungenau sein.» (Richter, et al., 2008)

In der Fotografie dagegen wird oft kein Unterschied zwischen den diversen unterschiedlichen Effekten wie weichzeichnen, verwischen, verblassen, verpixelen und Grobkörnigkeit gemacht. Viel mehr wird angenommen, dass wenn keine klaren Konturen und Formen zu erkennen sind, dass das Bild unscharf sei. «In all diesen Fällen ist unscharf selbst kein scharfer Begriff, sondern umfasst so unterschiedliche Effekte […]» (Ullrich, 2002 S. 7)
Adobe, der Hersteller von «Photoshop», hat all diesen Effekten den Obergriff «Weichzeichnungsfilter» gegeben und spaltet sie noch weiter auf. Der Filter «Bewegungsunschärfe» wird auf der Webseite des Herstellers «Weichzeichner- und Bewegungseffekt» genannt. Auch wird der Begriff «unscharf» nie isoliert, sondern immer im Zusammenhang mit «Effekt» oder «Bewegung», genutzt.
Bildschirmfoto (Adobe HelpX, 2019)
Um es den Nutzern, welche sich nicht beruflich mit der Fotografie beschäftigen, einfacher und verständlicher zu machen, wird vereinzelten Filtern der Begriff «Unschärfe» angehängt.

Bildschirmfoto (Adobe Photoshop, 2019)

Privater und kommerzieller Nutzen
Als Wolfgang Ullrich im Jahr 2002 für sein Buch «Die Geschichte der Unschärfe» recherchierte stellte er fest: «Printmedien aller Art – vom Werbeprospekt bis zum Kunstkatalog – enthalten seit einigen Jahren immer häufiger unscharfe Bilder. Je höher der ästhetische Anspruch eines Lifestyle-Magazins ist, desto wahrscheinlicher ist sogar nur noch eine Minderheit der Fotos scharf.» (Ullrich, 2002 S. 7). Auch in anderen Bereichen der Fotografie wie Architektur, Kunst oder Werbung, findet man zahllose, unscharfe Bilder. 

Dies kam sogar in einer Zeit zur Anwendung, als die digitale Fotografie aufkam und den Markt eroberte. Durch die zahllosen Hilfsmittel, welche eine Digitalkamera besass, war es nun sehr leicht, «scharfe» Bilder zu kreieren. Doch den professionellen Fotografen interessierte lediglich, dass das Bild nicht mehr im Labor entwickelt werden musste und er so schneller und präziser arbeiten konnte.

Genau dieses Stilmittel fand bei Amateuren keine Beliebtheit. Für sie handelte es sich lediglich um fehlerhafte Aufnahmen, welche gleich aussortiert wurden. Dies ist der Tatsache geschuldet, dass sie die Möglichkeit hatten, die Bilder sofort zu betrachten und sie so zu korrigieren, dass sie schlussendlich «technisch einwandfrei» erschienen.

Das Verhalten von Amateuren ist mitunter daran zu erkennen, dass viele Sachbücher in der Fotografie aufzeigen wie man «scharfe» Bilder macht. Diese Auffassung oder Haltung wird ebenfalls durch Plattformen wie Instagram, Snapchat usw. unterstützt. Wir werden in sozialen Medien mit detailreichen Bildern überflutet. Das liegt daran, dass der Laie mit seinem Smartphone, sofort das abbilden kann was er sieht. Frei nach dem «WYSIWYG»  Prinzip von vielen Computerprogrammen 

Cover der British Vogue (Steven Meisel, März 2019)
Harald Mizerovsky suggeriert in seinem Buch «Lust auf scharfe Fotos (Ratgeber für digitale Fotografie)» dem Ama-teur, dass professionelle Fotografen ausschliesslich auf die «Schärfe» im Bild achten. Dies macht er bereits in der Ein-leitung des Buches mit aller Deutlichkeit klar: «Wollten Sie immer schon wie die Profis fotografieren? Dann ist dieser Ratgeber das Richtige für Sie. Investieren Sie eine Stunde Ihrer Zeit, um in Zukunft bessere Fotos zu schiessen. […]».

Betrachtet man das Coverbild mit einem geschulten Auge, erkennt man sofort, dass der Fels nach hinten fällt, die Sonne blendet, die grüne Fläche verblasst, die Räder im schwarz versinken und die Wolken unerkennbar vom Son-nenlicht verschluckt werden. Detailreichtum ist kaum sichtbar. Nur die Formen sind klar abgebildet. Doch geblen-det vom Kontrast und der Sättigung im Bild, nimmt der Amateur das Bild als «scharf» wahr. 
Lust auf scharfe Fotos? (Harald Mizerovsky, 2013)
Sam Jost bewirbt sein Buch «Scharfe Fotos mit der Digitalkamera» paradoxer Weise mit einem unscharfen Bild einer Frau im Nachleben, welches sehr ästhetisch anmutet. Mit einem verträumten Blick schreitet sie zur Kamera. Die Bewegung ist durch das Verwischen klar zu erkennen. Ignoriert man den Titel, könnte man davon ausgehen, dass dieses Buch erklärt wie man absichtlich unscharfe Bilder macht – doch das Gegenteil ist der Fall. Trotzdem schreibt er in der Einleitung: «[…] Dafür erklärt das Buch nicht nur die Grundlage von Schärfe, sondern auch alles, was für Unschärfe im Foto sorgt und wie Du diese Störfaktoren verhindern kannst. […]»

Scharfe Fotos mit der Digitalkamera (Sam Jost, 2014)

Arten der Unschärfe in der Fotografie
Dazed (Jheyda McGarrell), Empire State Building (Hiroshi Sugimoto), i-D (Sam Rock), Anna Selezneva (Peter Lindbergh), Flickr (Moune Drah), Re-Edition (Sharna Osborne), Dazed (Casper Sejersen), Central Station NY (Treena Huang), Dazed (Sean & Seng), Untitled (John Hilliard), Untitled (Irene Peschick), AnOther Magazine (Sam Rock), Untitled (Ray Markov), Vogue Paris (Sam Rock),  Vogue (Daniel Jackson), Holyday Magazin (Scott Trindle), Dazed (Zora Sicher), Mountain Nymph Sweet Liberty (Julia Margaret Cameron), Ming Xi (Nick Knight), City Bike (Kobyharati), Laud Magazine (Steven Klein)
Weichzeichnung
Dieser Effekt ist wohl einer der beliebtesten und somit auch einer der meist verbreiteten. Er wird durch bewusste oder falsche Fokussierung des Kameraobjektives, angewendet, wodurch sich das Abbild so dermassen verändert, dass Kontrast zwischen hell und dunkel in einander verlaufen. Damit werden die Konturen reduziert so, dass das Abbild von den Strukturen gelöst wird und schon fast malerisch wirkt. Auch lässt sich dieser Effekt auf selektive Bildbereiche anwenden, um somit die Wahrnehmung auf erwünschte Bilddetails zu lenken.

Ein sehnsüchtiger trauriger Blick dominiert das Portrait der Frau. Julia Margaret Cameron arbeitete bereits im neun-zehnten Jahrhundert, mit dezenter Weichzeichnung, um Makel und Fehler zu beseitigen und somit die portraitierten Personen zart und würdevoll darzustellen.

Study of Beatrice C. (Julia Margaret Cameron, 1975)

Persönliche Arbeit – Kampfhund
Pitbull, Bullterrier oder Rottweiler – bereits beim Lesen dieser Hunderassen, kommt unterbewusst Angst auf. Doch nicht der Hund ist das böse Wesen, sondern das Herrchen, welcher bei der Erziehung fatale Fehler gemacht hat. So-mit gehört der Maulkorb dem Herrchen und nicht dem Hund angelegt.
 
Um ein Statement zu setzen, begann ich Hundehalter mit einem Maulkorb zu fotografieren. Durch die Weichzeichnung soll einerseits die portraitierte Person unkenntlich gemacht werden und andererseits das Bewusstsein des Hundehalters dargestellt werden. Ein trüber Blick in die Realität lässt den Portraitierten denken, dass der Hund von Natur aus aggressiv ist.

Kampfhund (Ray Markov, 2019)

Grobkörnigkeit
Abhängig vom ausgewählten Film, der Lichtempfindlichkeit (hohe ISO/ASA-Werte) und den Entwicklungsbedingungen, entstehen körnige Fraktale im Bild. Durch das Korn gehen kleinste Bildinformationen verloren. Wegen der Körnigkeit im Bild, lässt sich erkennen ob es im analogen oder digitalen Verfahren erstellt wurde.

Ein beliebter Effekt von vielen grossen Fotografen wie zum Beispiel Peter Lindbergh, welcher durch das Korn Details reduziert. Der Betrachter fokussiert sich dabei ausschliesslich auf das Sujet. Die Makel von Irina Shayk verschwinden im Filmkorn. Der Betrachter fokussiert sich ausschliesslich auf die Emotionen, welche durch den Gesichtsausdruck übermittelt werden.

Irina Shayk, Paris (Peter Lindbergh, 2018)

Verblassen
Das Verblassen kann viele Ursachen haben. Von Feuchtigkeit angelaufenes Glas des Objektivs, starker Nebel oder Smog, falsch gelagerter Film oder starke Sonneneinstrahlungen.

Möchte man ein die Fotografie mystisch oder alt wirken lassen, kommt man selten um diesen Effekt herum. Auch in der Malerei wurde der Horizont einer Landschaft verblasst dargestellt um Himmel und Erde ineinander verschmelzen zu lassen. 

Tobi Schnorpfeil, Filmer, Fotograf und YouTube Blogger – egal ob Portrait- oder Landschaftsaufnahme, er lässt all seine Bilder verblassen und verleiht ihnen etwas Geheimnisvolles. Er macht den Betrachter so neugierig auf die Geschichte hinter dem Bild. 

Elzerland (Tobi Schnorpfeil, 2017)

Verpixelung
Ein Pixel – Kunstwort aus «Picture» und «Element» – ist das kleinste sichtbare Element eines digitalen Bildes. Dieses unschöne Fragment, welches zur Zeit des Modems unsere Sichtweise auf digitale Bilder beeinflusst hat. Wir haben alles versucht, um es unsichtbar zu machen. Das Pixel war dazu verdammt zu verschwinden. Doch es ist noch da. Die Pixel Ästhetik hat die Strassen, Museen, Mode und Videokunst erobert. Unschärfe durch «Verpixelung» ist zum Stilmittel geworden. Digitale Bilddaten geringer Auflösung, geben in starker Vergrösserung einzelne Pixel zu erkennen. Somit trägt das Bild eine klare digitale Handschrift.

MSGM for British Vogue (Sharna Osborne, 2019)

Verwischung
Eine längere Verschlusszeit führt dazu, dass Licht länger in die Kamera fällt und so der Film stärker belichtet wird. Alle Bewegungen vor und hinter der Kamera werden sichtbar.
Die Möglichkeiten um die Geschwindigkeit eines Rennwagens, die Homogenität eines Wasserfalls, die Ebene der spiegelnden Oberfläche eines Sees oder die Richtung eines rollenden Balls darstellen sind durch die Verwischung nahe-zu grenzenlos. 
Clifford Coffin erkannte bereits in den Fünfziger-Jahren das Potenzial der Verwischung. Die Modelle wirken unerkennbar und aufgelöst. Schon fast wie Geister. Nur Form und Farbe sind erkennbar und stehen klar im Vordergrund. 

Vogue Dezember (Clifford Coffin, 1954)
Persönliche Arbeit – Smudged Hat
Fasziniert von der Form und den Texturen des Strohhuts namens «Mandoline» von Cornelia Arbogast, stellte ich mir die Aufgabe, diesen zarten, aber formal dominanten Hut als primäres Objekt im Bild zu platziert. Es sollte sich gleich-zeitig optisch nicht aufdrängen. Die Verwischung ermöglichte es mir, Farben und Texturen von mehreren Objekten ineinander verschmelzen zu lassen und so eine Einheit zu bilden.

Das Kleid wurde durch Bewegung verwischt dargestellt, so dass es klar in den Hintergrund rückte und es trotzdem mit dem Hut eine scheinbare Einheit bildete. Dadurch, dass diese zwei Objekte ineinander verschmelzen, wirkt das Bild malerisch.

Smudged Hat (Ray Markov, 2019)

Digitale Filter
Durch die Bearbeitung am Computer hat die Authentizität vieler Bilder stark nachgelassen. Unnatürlich wirkende Effekte lassen sich schnell erkennen. Dem Bildbearbeiter steht ein endloses Arsenal an Effekten und Bildsprachen zur Verfügung. Kunsthistorische Stile lassen sich per Knopf-druck imitieren. Das originale Abbild spielt dabei keine Rolle mehr. Noch nie war es so einfach Effekte zu erzeugen, welche den Bildinhalt so manipulieren, dass das ursprüngliche Abbild nicht mehr zu erkennen ist. Gefällt das Resultat nicht, kann man es kurzer Hand wieder rückgängig machen und erneut manipulieren.

Der beeindruckende, bedeutende und kontroverse Fotograf Nick Knight, welcher die Modefotografie unserer Zeit stark beeinflusst, ist bekennender Anwender von Photoshop. Durch die digital erzeugte Verwischung, welche er selektiv auf Teile des Bildes legt, wirkt das abgebildete Modell federleicht und bleischwer zugleich. Er verleiht der Figur Zartheit und Zerbrechlichkeit. 

Isabella Blow: Fashion Galore (Nick Knight, 2013

Hiroshi Sugimoto
Hiroshi Sugimoto ist ein japanischer Konzeptfotograf und einer der wichtigsten Künstler. Die Weichzeichnung ist eine Methode, die er nutzt um den Ausdruck seiner Bilder zu steuern. 

Er ist bekannt für einen sorgfältigen Umgang mit Licht und Schatten in seinen Schwarz/Weiss-Fotografien. In seinen Serien (Meeresansichten [ab 1980], Architekturen [ab 1997] und Kinos [ab 1978]) erforscht er das Konzept der Bewahrung und Darstellung von Erinnerung. Er benutzt lange Belichtungszeiten, um gespenstische Szenen mit ungewohnter Beleuchtung zu schaffen. 

In den Jahren 2005 und 2006 wurden seine Werke in einer Wander-Retrospektive erst im Mori-Kunstmuseum in Tokio, danach im Hirshhorn Museum in Washington D.C. und schließlich im Modern Art Museum of Fort Worth gezeigt. Sugimoto lebt und arbeitet in New York und Tokio.

Hiroshi Sugimoto (Victoria Stevens, 2017)
Der Blick in die Ferne
Wo viele Fotografen sich darum bemühen das Gesehene und was sich dahinter verbirgt abzubilden, setzt sich Sugimoto gegen diesen Trend. Als Surrealist und Konstruktivist stellt er die Fotografie an sich in Frage. Mit blossem Auge erkennen wir den Horizont in weiter Ferne, der sich aufzulösen scheint. Obwohl Sugimoto genau den gesehenen Ausschnitt abbildet, erscheint das Bild selbst als surreal. 

Seit Jahrhunderten behilft sich der Mensch mit dem Fern-glas, um ihm das nicht Sichtbare, sichtbar zu machen. Mit seiner hyperrealistischen Serie «Seascapes» zeigt Sugimoto dem Betrachter den Ursprung des menschlichen Sehvermögens.
Ligurian Sea, Saviore (Hiroshi Sugimoto, 1982)
Der zeitlose Blick
Im Bild «Chrysler Building» von Hiroshi Sugimoto wurde das Gebäude aus dem zeitlichen Kontext entfernt. Es lässt den Betrachter einen vergangenen Moment in der Gegen-wart erleben – ein nunc stans . Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, verschmelzen in einander. Es ist weder klar zu definieren, in welchem Zustand sich das «Chrysler Building» befindet, noch wann das Abbild gemacht wurde. Nur durch diese Eigenschaft bekommt man den Eindruck einer zeitlich nicht einzuordnenden Aufnahme – egal ob vor oder in zehn Jahren.

Chrysler Building (Hiroshi Sugimoto, 1997)

Ein Moment in Filmlänge
Heutzutage laufen Filme mit 24 Bildern pro Sekunde. Dies macht es unmöglich, zwischen den einzelnen Bildern der 172800, die in einem typischen zweistündigen Film enthalten sind, zu unterscheiden und zu verarbeiten. Durch Belichtungszeiten, die eine ganze Länge der Filme dauern, erfasst Sugimoto jedoch die Tausenden von fotografischen Einzelbildern auf einem einzelnen Foto. Dies führt zu einem leuchtend weissen Bildschirm. 

Er öffnet die Blende einer großformatigen, analogen Kamera am Anfang eines Films und schließt sie erst, wenn der Film beendet ist. Was nach der Entwicklung des Negativs sichtbar wird, ist eine unerwartete Brillanz. Ein scheinbar «scharfes» Bild entsteht durch die Bewegung vor der Kamera. Es erscheint paradox, dass ein Bild «scharf» und «unscharf» im selben Moment sein kann.
Regency, San Francisco (Hiroshi Sugimoto, 1992)
Fazit
Im Rahmen dieser Arbeit habe ich mich mit dem Begriff «Unschärfe» auseinandergesetzt, um zu verdeutlichen, dass diese viel mehr als nur ein ungewünschter Fehler in der Fotografie ist, wie dies in vielen Sachbüchern und Ratgebern suggeriert wird. 
Für mich ist klar, dass «Unschärfe» ein Begriff ist, den es dergestalt in der Fotografie nicht geben sollte. Er wird in diesem Kontext selbst unscharf. In Bildbeschreibungen sollte man wortgewandt mit dem Beschreiben der entsprechenden Effekte umgehen, um es dem Leser zu ermöglichen, sich das Bild vorzustellen und zu verstehen. 

Durch diese Arbeit wurde mir klar was Ludwig Wittgenstein mit seinem Zitat gemeint haben könnte: «Ist das unscharfe Bild nicht oft gerade das, was wir brauchen?». 

Vielleicht müssen wir uns ein unscharfes Bild über diese negative Bedeutung des Wortes «Unschärfe» machen, die-se am Horizont verschwimmen lassen, um so die Schönheit hinter ihr zu erblicken.

Das Schreiben dieser Arbeit habe ich als sehr interessant und äussert bereichernd empfunden. Ich bin stolz auf das Ergebnis und für mich ist klar, dass ich mich noch weiter mit diesen Effekten auseinandersetzen werde. Besonders die Weichzeichnung, Verwischung und Grobkörnigkeit, haben es mir angetan.

Der Mehrwert dieser Effekte wurde in der Geschichte durch zahlreiche Fotografen bestätigt. Trotzdem sollte man es sich im Vorfeld überlegen, ob die Bildsprache davon profitieren kann. Um dies zu verdeutlichen möchte ich das Coverbild erläutern: Bereits als Kleinkind macht man die Erfahrung, dass Rosen wunderschön und schmerzhaft sind. Doch betrachtet man das Bild «Drei Rosen» von Milan Gasic, erlebt man einen Moment des Wohlfühlens und der Unverletzlichkeit. Dieses Idealbild erscheint losgelöst von den Makeln und Fehlern, welche durch die Dornen entstehen. Nur durch die «Unschärfe» wirken die Rosen so zärtlich wie in unserer Fanta-sie. 
Literaturverzeichnis
Elger, Dietmar und Richter, Gerhard. 2008. Gerhard Richter – Text 1961 bis 2007: Schriften, Interviews, Briefe. Köln : Verlang der Buchhandlung Walther König, 2008.

Jost, Sam. 2014. Scharfe Fotos mit der Digitalkamera. Flensburg : Verlag Sam Jost, 2014.

Mizerovsky, Harald. 2013. Lust auf scharfe Fotos? (Ratgeber für digitale Fotografie). Norderstedt : BoD - Books on Demand, 2013.

Sugimoto, Hiroshi. 2019. Hiroshi Sugimoto – Architecture. London : Thames and Hudson, 2019.

Sugimoto, Hiroshi und Matsumoto, Takaaki. 2015. Hiroshi Sugimoto – Seascapes. Bologna : Damiani, 2015.

—. 2016. Hiroshi Sugimoto – Theaters. Bologna : Damiani and Matsumoto Editions, 2016.

Ullrich, Wolfgang. 2002. Die geschichte der Unschärfe. [Hrsg.] Kleine Kulturwissenschaftliche Bibliothek. Berlin : Verlag Klaus Wagenbach, 2002. Bd. 69.

von Savigny, Eike. 2011. Ludwig Wittgenstein, Philosophische Untersuchungen. Berlin : Akademie Verlag, 2011. Bd. 13, Bearbeitete Auflage.
Feedback
Lorem ipsum dolor
Feedback abgeben
Vielen Dank für dein Feedback!
Back to Top